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Für gestern ist es nie zu spät

Da ist dieses schlechte Gewissen, weil wir Oma schon seit einiger Zeit
nicht mehr besucht haben. Aber uns fehlt momentan leider einfach
die Zeit dafür, die Arbeit verlangt uns einiges ab und auch sonst geht
es gerade hoch her. Also verbannen wir den Gedanken tief in unseren
Hinterkopf und widmen uns wieder den Tücken des Alltags.
Schließlich geht es ja auch nicht anders.

Zwei Monate später haben wir noch immer keine Zeit gefunden
und plötzlich ist Oma tot.

Diese Geschichte ist so oder so ähnlich wohl schon unzählige Male
passiert. Das Versäumnis zieht ein Gefühl tiefer Schuld nach sich.
Natürlich war es keine Böswilligkeit, vielmehr wurden bloß aus
Unwissenheit die falschen Prioritäten gesetzt. Und doch verstärkt
das eigene Schuldbewusstsein den Schmerz über den Verlust um
ein Vielfaches. Die Gelegenheit zu einer letzten Begegnung ist
ungenutzt verstrichen und der Abschied so schrecklich abrupt.

Aber auch wenn keine direkte Möglichkeit der Wiedergutmachung
besteht, so können Sie trotzdem etwas tun: nun für Oma da sein
und sich liebevoll um die Einzelheiten der Bestattung kümmern.
Zeigen Sie, wie wichtig sie Ihnen ist, auch wenn sie selbst es nicht
mehr miterlebt. Machen Sie es für sich – um so zumindest im Nach-
hinein das Richtige zu tun. Ob sich das in einem aufwendigen
Abschied äußert, bei dem Sie sämtliche Register ziehen, oder in
kleinen, aber besonderen Gesten der Wertschätzung, das bleibt
dabei ganz Ihnen überlassen. Machen Sie es so, wie es sich für
Sie richtig anfühlt.

Und überhaupt: Wenn Sie zu Lebzeiten eines besonderen Menschen
etwas versäumt haben, holen Sie es einfach nach. Schreiben Sie
einen Brief an ihn, unternehmen Sie die Reise, von der Sie immer
gemeinsam geträumt haben. Was auch immer Sie schon so lange
verfolgt – tun Sie das, was Sie vorher nicht getan haben.
Es wird Ihnen guttun. Denn für Gesten ist es nie zu spät.

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Wie Rituale uns helfen – in großen und kleinen Momenten

Jeder Mensch hat seine eigenen kleinen Rituale – vom morgendlichen
Kaffee vor dem Frühstück über kleine Belohnungen nach erledigten
Aufgaben bis hin zur nächtlichen Lektüre, um abschalten und an-
schließend besser einschlafen zu können. Oft fallen sie uns schon gar
nicht mehr auf, sind kaum der Rede wert. Und doch möchten wir sie
auch nicht missen, denn sie verleihen uns zusätzliche Struktur und
geben uns immer wieder neue Kraftschübe für den Tag. Es sind bloß
Kleinigkeiten – aber eben wichtige Kleinigkeiten.

Haben wir gerade einen geliebten Menschen verloren, sind da auch
wieder Rituale, diesmal andere: Trauerfeier, Beisetzung, womöglich all
dem vorausgehend eine offene Aufbahrung als moderne Form der
Totenwache. Es gibt ein allgemeingültiges Verständnis davon, wie
solche Momente auszusehen haben – jedenfalls im Großen. Im Kleinen
dagegen ist Abschied wieder eine durch und durch persönliche Sache.
Die „üblichen Gepflogenheiten“ können uns zwar eine Orientierung
geben, doch sie dürfen keinesfalls Gesetz sein.
Es ist wichtig, dass wir auch hier unsere eigenen Rituale finden,
die sich für uns richtig anfühlen.

Wenn da gerade sonst nichts mehr ist, woran wir uns festhalten
können, geben uns ebenjene Rituale unverzichtbaren Halt. Dabei
ist es fast schon egal, ob wir eine großzügige Trauerfeier planen
oder mit kleinen Gesten unsere Dankbarkeit und Liebe zeigen –
entscheidend ist, dass wir uns Gedanken machen und dabei auf
unser Herz hören. Nicht an Konventionen oder Grenzen denken,
sondern einfach fühlen und machen. Und falls Sie kein Freund des
Besonderen sind, ist das natürlich vollkommen in Ordnung.
Ein regelmäßiger Besuch am Grab beispielsweise, mit Blumen
und einigen Momenten des schweigenden Gedenkens, mag sich
möglicherweise trivial anhören. Aber auch das ist ein Ritual.
Ein kleines, möglicherweise kaum der Rede wert – doch so lange
wir uns damit wohlfühlen, ist reden ja auch gar nicht notwendig.

     

 

Gehen & doch bleiben?

Ein Mensch geht, doch die Erinnerung an ihn bleibt unsterblich
– eine Aussage, die in so manchem Ohr womöglich sehr kitschig klingt.
Nichtsdestoweniger enthält sie einen wichtigen Funken Wahrheit.

Denn dass wir eines Tages gehen müssen, das liegt in unserer Natur.
Der große Traum von Unsterblichkeit bleibt dagegen ironischerweise
beharrlich. Doch selbst wenn es eines Tages medizinisch möglich sein
sollte – um welchen Preis? Da schon eher Kinder als Sinnbild des
ewigen Lebens, das biologische Fortbestehen in der Weitergabe
der eigenen Gene. Und dann ist da eben noch die Erinnerung.

Ein innerer Drang vieler Schriftsteller, Künstler, Visionäre jeder Art
ist es, etwas Bleibendes zu schaffen, etwas, das sie überdauert.
Auch hier wohl der mehr oder weniger präsente Wunsch nach
Unsterblichkeit, der Wunsch, in Erinnerung zu bleiben.
Aber braucht es dafür wirklich große Taten?

In unserem Leben kommen wir mit vielen Menschen in Berührung,
lernen zu lieben und geliebt zu werden. Was wir sagen, tun, fühlen
– das hinterlässt Spuren in dieser Welt. Die lassen sich nicht so
einfach verwischen. So können wir uns im Grunde sicher sein,
dass wir auch nach unserem Tod in der Erinnerung der Menschen
um uns herum fortbestehen werden.

Welche Bedeutung jeder Einzelne von uns hat, das sehen wir als Be-
statter tagtäglich in jenen Augenblicken, in denen sich Hinterbliebene
liebevoll mit großen oder kleinen Gesten von einem einzigartigen
Menschen verabschieden. Und wir sind uns sicher, dass dies nur der
Grundstein ist für eine Erinnerung, die vielleicht nicht unsterblich ist,
aber doch zumindest sehr lange bestehen bleibt.

„BAUCHGEDANKEN“-Begriff © Marius Hanke